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Von großen PCs bis zu Big Data – 30 Jahre Wirtschaftsinformatik in Heidenheim

Smartphones und Laptops gab es noch lange nicht. Die meisten hatten nicht einmal einen Computer zuhause, und wenn doch, war dieser wesentlich größer als heute. Und man konnte damit nicht ins Internet, denn das World Wide Web existierte 1988 noch nicht.

Zu dieser Zeit startete in Heidenheim ein neuer Studiengang: die Wirtschaftsinformatik. Am 11. November 1987 hatte das Kuratorium der Berufsakademien des Landes (heute: Duale Hochschule Baden-Württemberg) die neue Fachrichtung an der Berufsakademie (BA) befürwortet. „Das war ein historisches Datum für Heidenheim und die BA“, erzählt Prof. Eberhard Bappert. Der Mathematiker aus Stuttgart mit Erfahrungen im Rechenzentrum der Universität wurde damals zum Leiter des neuen Studiengangs und war dies auch bis 2010. Heute ist der 74-Jährige im Ruhestand.

Drei Jahre lang hatte der damalige Direktor der BA Heidenheim Kurt A. Hildenbrand für den neuen Studiengang in Heidenheim gekämpft. Bereits 1986 wurde bei einer Firmenumfrage großes Interesse am neuen Fachbereich festgestellt. Den Ausschlag gab schließlich eine öffentliche Zusage vom Ministerpräsidenten Lothar Späth 1987 in Schwäbisch Gmünd. Am 29. Februar 1988 waren dann die Gelder für Sachmittel und Stellen genehmigt. Die Heidenheimer Zeitung schrieb von einem „kleinen Wunder“.

Große Computer, kleine Räume

22 Studierende starteten mit Eberhard Bappert am 1. Oktober ins Wintersemester 1988/89. „Wir hatten am Anfang noch gar keine Räume“, erzählt er. Zunächst war der Kurs deshalb in der Eugen-Gaus-Realschule mit untergebracht. Eberhard Bappert teilte sich mit einem Kollegen ein kleines Büro. Die Computerräume waren im damaligen Piltz-Fabrikgebäude am Bahnhof, weil dort im Keller die große IBM-Maschine untergebracht war, auf die die Studierenden zentral zugreifen konnten. Gedruckt wurde zu dieser Zeit noch mit einem Nadeldrucker. Auch passende Lehrbeauftragte für den noch jungen Fachbereich zu finden, sei nicht leicht gewesen.

Der erste Professor, den Bappert gewinnen konnte, war Dr. Hans Jürgen Ott. Er hatte Ökonomie an der Universität Augsburg studiert und im Fach Wirtschaftsmathematik an der Universität Ulm promoviert. Er bediente die betriebswirtschaftliche Seite, während Studiengangsleiter Eberhard Bappert Programmierung und Dateiorganisation lehrte.

1990 zog die Wirtschaftsinformatik in das ehemalige Coop-Gebäude in die Heidenheimer Innenstadt um. Die PCs wurden kleiner, das Betriebssystem Windows 95 verbreitete sich, und die Anforderungen an die Lehre änderten sich. „Wir mussten uns schnell an äußere Umstände und die sich ändernden Bedürfnisse der Ausbildungsbetriebe anpassen – ein wesentlicher Zug der ersten Stunde“, erzählt Bappert. 

Frauen waren 1995 noch eine Seltenheit in der Informatik

1995 studierte die gebürtige Erfurterin Sabine Knödler in Heidenheim – „eine unserer besten Studentinnen“, erinnert sich Bappert. „Damals war es eher unüblich, als Frau Wirtschaftsinformatik zu studieren. Meine Erfahrungen waren aber durchweg positiv, und bereits in den Folgejahrgängen kamen immer mehr Frauen dazu, was dem Studienfach sehr gut tat“, sagt die heute 41-Jährige. 1998 schloss die Essingerin ihr Studium erfolgreich ab. Sie arbeitet heute bei Zeiss in Oberkochen und verantwortet den Bereich SAP-Security.

Im Laufe der Jahre wurden die Inhalte der Wirtschaftsinformatik vielfältiger, und es kristallisierten sich spezielle Vertiefungsrichtungen heraus. Im März 1999 wurde eine zusätzliche Studiengangsrichtung – Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt E-Commerce – geschaffen, und Hans Jürgen Ott wurde Studiengangsleiter. „Mit dem Schwerpunkt E-Commerce waren wir die Ersten in Deutschland“, sagt er. Die Nachfrage sei explosionsartig gestiegen. „Wir konnten durch flexible Studienpläne rasch auf aktuelle Entwicklungen reagieren“, erklärt Bappert. Damals entwickelte sich der Informatik-Sektor sehr schnell, und das Studium in Heidenheim habe mitgehalten. „Rückblickend war es der richtige Schritt, früh auf das Internet zu setzen“, bekräftigt Ott.

Sogar aus Hamburg kamen junge Menschen, um in Heidenheim zu studieren. Durch Zufall sah auch Tino Jahnke eine Anzeige in einem Magazin – „fünf Zeilen, auf der letzten Seite, leicht zu übersehen“ – dass es in Heidenheim einen neuen Studiengang gibt. Der Hamburger bewarb sich bei einem Dualen Partner in München und wurde genommen. Von 1999 bis 2002 studierte er Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt E-Commerce in Heidenheim. „Ich habe in einer Zeit studiert, in der sich der Markt gerade erst gebildet hat. Es war eine Aufbruchsstimmung, an die sich sowohl die Studierenden als auch die Professoren und Professorinnen dynamisch anpassen mussten – das war nicht immer einfach, aber es ist am Ende gelungen“, sagt der heute 42-Jährige. Jahnke ist mittlerweile Unternehmensberater in Hamburg, nachdem er einige Jahre Vorstandsmitglied einer international agierenden Aktiengesellschaft im IT-Bereich war.

Die „Goldgräberstimmung“ vor dem Zeitalter der Internet-Riesen

„Um die Jahrtausendwende herrschte in der Wirtschaftsinformatik eine Art Goldgräberstimmung“, beschreibt Michael Fellmann seine Studienzeit. Der gebürtige Heidelberger studierte von 2000 bis 2003 in Heidenheim, in einer Zeit, in der immer mehr Haushalte einen Computer und einen Internetanschluss hatten. „Das Internet war damals noch nicht von den Großen wie Google usw. dominiert, und es war wichtig, einen Fuß in die Tür zu bekommen“, erzählt der heute 40-Jährige. Nach seinem Studium promovierte er an der Universität in Osnabrück, und seit 2015 ist er Juniorprofessor für Wirtschaftsinformatik mit dem Schwerpunkt „Betriebliche Informationssysteme“ an der Universität in Rostock. Fellmann war bereits am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz beschäftigt und gewann einige Preise und eine Auszeichnung für herausragende wissenschaftliche Leistungen während seiner Promotion.

Er, Sabine Knödler und Tino Jahnke sind drei von 953 mittlerweile Alumni, die Wirtschaftsinformatik in Heidenheim studiert haben. Aktuell studieren über 150 Wirtschaftsinformatiker an der DHBW Heidenheim, vergangenes Jahr begannen 57 Studieninteressierte in diesem Bereich.

„Der Erfolg unserer Absolventen und Absolventinnen zeigt, dass das Interesse an betriebswirtschaftlich denkenden Systemanalytikern sowohl in der Wissenschaft als auch in der freien Wirtschaft gefragt ist“, sagt Prof. Dr. Jürgen Seitz. Er leitet seit 2001 den Studiengang Wirtschaftsinformatik an der DHBW Heidenheim und war selbst einer der ersten dualen Studierenden in diesem Bereich. „Wir werden junge Menschen auch in Zukunft nicht zu Programmierern oder Buchhaltern machen. Vielmehr geht es im Studium darum, durch Informations- und Kommunikationssysteme betriebliche Abläufe zu verbessern und so Unternehmen digital zu transformieren“, sagt Seitz. In den nächsten Jahren werde sich der Studiengang verstärkt mit künstlicher Intelligenz, Deep-Learning, Big Data, dem Internet der Dinge und IT-Sicherheit beschäftigen. „Hier werden wir aber nicht nur Aspekte der technischen Implementierung, sondern auch deren Auswirkungen auf die Gesellschaft betrachtet“, erklärt der Studiengangsleiter die zukünftigen Ziele der Wirtschaftsinformatik in Heidenheim.

Bachelor-Studiengang Wirtschaftsinformatik im Überblick

Der Studiengang Wirtschaftsinformatik vermittelt innerhalb des dreijährigen Bachelorstudiums Grundlagenwissen in Betriebswirtschaftslehre sowie angewandter Informatik. Das Studium beginnt am 1. Oktober mit einer zwölfwöchigen Theoriephase an der DHBW Heidenheim. Im Anschluss findet die Praxisphase beim Dualen Partner statt. Die theoretischen Studienabschnitte wechseln sich mit den Praxisphasen im Unternehmen ab.